Der Mann ohne Eigenschaften. Remix. [Rezension]

Nun. Es ist mit­ten in der Nacht und ich bin in einer sel­te­nen Ver­zü­ckung, wie sie der Mann ohne Eigen­schaf­ten nor­ma­ler­weise nicht gewäh­ren kann. Das ist zumin­dest das was man so hört. Denn die­ser äthe­ri­sche, mys­ti­sche, sozio­lo­gi­sche, his­to­ri­sche, wahn­sin­nige Amboss von einem Werk, ist einer der sich schwer auf die Brust eines jeden legt, der unaus­ge­spro­chene Her­aus­for­de­run­gen nicht ableh­nen kann.

Der MoE, wie er in Fach­krei­sen genannt wird, ist für viele unles­bar schön. Aber in dem sich andere auf­op­fer­ten und bei­nahe in Streit dar­über zer­bro­chen wären 1, ist aus Ver­se­hen gelun­gen, die Unnah­bar­keit und die Unge­heu­er­lich­keit, ja die Unmensch­lich­keit (im posi­ti­ven Sinne) des Wer­kes ver­ar­beit­bar zu machen. Und zwar in einem aus 20 Tei­len beste­hen­den Hör­spiel. Einem Bom­bast­pro­jekt, einem Werk, dass an Wahn­sinn grenzt, weil es trotz der rela­ti­ven Ver­dau­lich­keit kaum gehört geschweige den respek­tiert wer­den wird, weil es sich nicht um das Buch, son­dern “nur” um eine gekürzte Vor­le­se­fas­sung han­delt. Jeden­falls ist das meine Befürch­tung und gleich­zei­tig mein Aus­druck des tie­fen Respekts davor, was hier geleis­tet wurde.

Die­ses Hör­buch­pro­jekt hat fast archi­tek­to­ni­sche Qua­li­tä­ten. Es ist ein Gebäude. Es trans­por­tiert die Geschwin­dig­keit des Den­kens eines genia­len Geis­tes in sei­ner Unschnel­lig­keit und Unlang­sam­keit, sei­ner Her­aus­ge­löst­heit aus der Zeit, wie es nur das lineare Medium des Hör­spiels kann. Es gibt der flüch­ti­gen gas­haf­ten, ermü­den­den Aura, die das Werk umgibt, eine Form, in der ich mich auf­hal­ten kann, ohne das Bewusst­sein oder den Ver­stand zu ver­lie­ren. Das Tempo des Vor­le­sers lässt mich fol­gen, denn ich ver­weile nicht, ver­springe nicht in der Zeile. Ich mag zwi­chen­durch weg­hö­ren, aber ich bin da und folge dem Füh­rer Man­fred Zapatka, des­sen grüb­le­ri­scher “ent­de­cken­der” Lese­stil dem Werk ein wei­te­res rhyth­mus­ge­ben­des Ele­ment schenkt. 2

Der MoE-Remix nimmt mich an die Hand und zeigt mir alle Räume in der Rei­hen­folge, wie sie vor­ge­se­hen waren, weißt mich jedoch bereits vor dem eigent­li­chen Rund­gang dar­auf hin, dass ich hier nun einen ande­ren Boden, einen ande­ren Kos­mos betrete, dem eigent­li­chen Werk sind näm­lich Auf­zeich­nun­gen aus sei­nem umfang­rei­chen Nach­lass voran gestellt. Sie geben dem gan­zen den “fes­ten Rah­men”, den man nach Musil beach­ten sollte, “wenn man gut durch geöff­nete Türen kom­men will”. 3

Die Qua­li­tät des MoE ist nicht vor­der­grün­dig seine dra­ma­ti­sche Hand­lung 4, son­dern seine essay­is­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ambi­va­lenz eines Grund­fra­gen­kon­vo­luts, die je nach Betrachtungsweise/Moral, eigent­lich des Men­schen­typs eine andere Fra­ge­stel­lung als Haupt­ton und alle ande­ren als Ober– und Unter­töne mit­schwin­gen lässt. Mich etwa, als nai­ver Hörer ohne gro­ßen lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund, aber mit dem irgendwo auf­ge­schnapp­ten Wis­sen es handle sich um eine historische/soziale Stu­die 5, wie es zum ers­ten Welt­krieg kom­men konnte, inter­es­sierte das im Hör­ver­lauf eher nicht.

Ich per­sön­lich fand die Frage nach dem Wahn­sinn und in wie fern unse­rer Nicht­wahn­sinn nicht eine reine Kon­struk­tion ist, äußerst span­nend. Es sei des­halb ange­merkt, dass sich eben­falls ein umfang­rei­cher Text zur Figur Moos­grub­bers von der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Elfriede Jelinek in dem Remix des Man­nes ohne Eigen­schaf­ten ver­birgt. Min­des­tens so span­nend wie der Wahn­sinn, ist der andere Zustand (a.Z.) dem Grund­mo­tiv über dem sich das Werk auf­spannt. So wie ich es ver­stan­den habe, han­delt es sich hier um die Auf­lö­sung eines hin­ge­nom­me­nen (aber unwirk­li­chen??) Wider­spruchs: Näm­lich den Mathe­ma­tik (also als klar vor­stell­bar, aber nicht fühl­bar) gegen Mys­tik (als unklar unvor­stell­bar, aber fühl­bar).  Es soll eine Uto­pie eines Gefühls/Gedankens ent­ste­hen. Was wäre wenn…beides gleich­zei­tig mög­lich ist? Bezie­hungs­weise was wäre, wenn sich alles in “Liebe” als Equi­li­brium von allem auf­lö­sen würde? Wenn sich also alle Gegen­sätze, alles Füh­lende, fühl­bare, Erfah­rene, Erfahr­bare, gewe­sene, sei­ende und wer­dende (…) tat­säch­lich unter einer Idee, ohne Ja/Nein-Binärität als abso­lut abso­lut auf­lö­sen würde? Es ist der Wunsch nach einem Zustand in dem sich Wirk­lich­keits­sinn und Mög­lich­keits­sinn nicht unver­ein­bar gegen­über stehen.

Auch Sexua­li­tät ist ein gro­ßes Thema, Geschwis­ter­liebe, Selbst­liebe, Gewalt, Ver­ge­wal­ti­gung, Orgas­mus aus der puren Eupho­rie, die Hei­lig­keit und Ver­werf­lich­keit der fleisch­li­chen Liebe. Es las­sen sich eman­zi­pa­to­ri­sche Motive ent­de­cken. Die Leis­tung der Psy­cho­lo­gie, der Natur­wis­sen­schaf­ten und jeder ande­ren arche­ty­pi­sche Lebens­ein­stel­lung wer­den hin­ter­fragt. Auch Nietz­sche ist ein gro­ßes Thema im MoE. 6

Über Fra­gen die­ser und ande­rer Art denkt Musil in viel bes­se­ren, kla­re­ren Wor­ten im MoE nach und in unver­gleich­li­cher Manier hat man die Mög­lich­keit in die­ses Werk über den Remix ein­zu­stei­gen. Das beste daran ist, dass es “Der Mann ohne Eigen­schaf­ten. Remix.” kos­ten­los als Pod­cast gibt und man nichts wei­ter tun muss als anzu­fan­gen. 7

Links

P.S.: Als “Bonus­ma­te­rial” gibt es noch 7 wei­tere Pro­duk­tio­nen, die sich auch in den zwei ange­ge­be­nen Links fin­den las­sen (zum Bei­spiel das in den Fuß­no­ten ange­spro­chene Werkstattgespräch).

Notes:

  1. So zumin­dest lässt es sich aus dem Werk­statt­ge­spräch, dass sich im Hör­spiel­pool von Bay­ern 2 fin­den lässt her­aus­hö­ren.
  2. Auch die ande­ren Schau­spie­ler, die ihre Stim­men für das Werk gaben sind übri­gens groß­ar­tig.
  3. Wenn man gut durch geöff­nete Türen kom­men will, muss man die Tat­sa­che ach­ten, dass sie einen fes­ten Rah­men haben.” so lau­tet das eigent­li­che Zitat, das ich eben­falls, dem in der ers­ten Fuß­note erwähn­ten Werk­statt­ge­spräch ent­nom­men habe.
  4. Ich habe gerade mal ver­sucht diese kurz wie­der­zu­ge­ben. Es gelingt mir nicht. Aber auch sie ist span­nend und viel­schich­tig und irgend­wie ein “Gen­re­vie­les”.
  5. Wolf, Nor­bert Chris­tian: “Kaka­nien als Gesellschaftskonstruktion. Robert Musils Sozio­ana­lyse des 20. Jahr­hun­derts” Also vom Titel her gera­ten. via
  6. Aber dazu äußere ich mich lie­ber nicht auch noch, ich habe ja sowieso keine Ahnung…
  7. Ich hoffe, ich habe dich genug “ver­gif­tet” es nun zu tun. ;)
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